Musique sur des motifs populaires polonais – Muzyka na motywach ludowych polskich
Joseph Wieniawski – Streichquartett in A moll, Op. 32 1. Satz
Jozef Koffler – Ukrainische Skizzen
Grażyna Bacewicz – 3. Satz (ohne Satzbezeichnung) aus 4. Streichquartett
Mieczysław Weinberg – Aria Op.9
Simon Laks – 3. Streichquartett „Sur des motifs populaires polonais“
Józef Wieniawski (1837-1912) war ein bedeutender Pianist, Komponist und Pädagoge. Zu Lebzeiten anerkannt, aber nie von vergleichbarer internationaler Berühmtheit wie sein Bruder Henryk Wieniawski geriet seine Musik nach seinem Tod weitgehend in Vergessenheit. Sie wird in den letzten Jahrzehnten allmählich wiederentdeckt und tritt allmählich aus dem Schatten seines älteren Bruders Henryk heraus.
Sein Streichquartett a-Moll, Op. 32 weist eine erstaunliche klangliche Vielfalt auf. Keine Stimme dominiert dauerhaft; vielmehr entsteht ein lebendiges Wechselspiel, in dem Themen weitergereicht und variiert und werden. Józef Wieniawski zeigt hier eine große Meisterschaft im Umgang mit der klassischen Quartettform.
Der 1. Satz Allegro con brio ist von dramatischer, spannungsgeladener Gestalt und folgt einer klaren Sonatenform. Er ist romantisch geprägt und von kontrastreichem Charakter, mit einer Fülle sowohl lyrischer als auch temperamentvoller Motive, in denen polnische Melodien nur dezent, aber dennoch spürbar präsent sind.
Die Ukrainischen Skizzen von Józef Koffler (1896-1944) entstanden um 1940/1941, als er in der Sowjet-Ukraine lebte und unter dem starken politischen Druck des sozialistischen Realismus komponieren musste. Es handelt sich um sein Opus 27 und zugleich um das letzte überlieferte Werk des Komponisten. Józef Koffler wurde 1896 in Tarnów geboren, stammte aus einer jüdischen Familie und wuchs in einem kulturell vielfältigen Umfeld auf. Er erhielt unter anderem seine Ausbildung bei Arnold Schönberg in Wien, was seine Verbindung zur atonalen und seriellen Musik prägte. Hauptsächlich wirkte er in Polen als Komponist, Musikwissenschaftler und Lehrer. 1944 wurde er von den Nationalsozialisten deportiert und kam in Auschwitz-Birkenau ums Leben. Seine Werke, darunter die Ukrainischen Skizzen, verbinden das polnische musikalische Erbe mit modernen europäischen Stileinflüssen.
Grażyna Bacewicz (1909-1969) war eine der bedeutendsten polnischen Komponistinnen und Geigerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie wuchs in einer musikalischen Familie auf, studierte Violine und Komposition und entwickelte eine unverwechselbare, kraftvolle und bildreiche Tonsprache.
Während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg engagierte sie sich aktiv im kulturellen Widerstand, indem sie heimlich Konzerte gab, Musiker unterstützte und ihre Musik trotz Verbots aufführte, wodurch sie nicht nur künstlerisch, sondern auch mutig politisch gegen die Unterdrückung Stellung bezog.
Grażyna Bacewicz 4. Streichquartett entstand 1952 und zeigt ihre charakteristische Mischung aus rhythmischer Vitalität, lyrischer Melodik und prägnanter Form. Es ist ein eindrucksvolles Zeugnis ihres künstlerischen und persönlichen Ausdrucks.
Der dritte Satz dieses Streichquartetts ist lebhaft bewegt, mit energischen, teils synkopierten Motiven, die ihm einen fast tänzerischen Charakter verleihen. Trotz aller rhythmischen Vitalität bleibt die Form klar strukturiert, wobei Bacewicz die motivische Arbeit geschickt mit polnischen rhythmischen und melodischen Anklängen verbindet.
Mieczysław Weinberg (1919–1996) war einer der bedeutendsten, lange Zeit jedoch übersehenen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Geboren in Warschau als Sohn jüdischer Musiker, wuchs er in einer vom jiddischen Theater und der osteuropäisch-jüdischen Musikkultur geprägten Umgebung auf. Seine frühe musikalische Begabung zeigte sich rasch, doch sein Leben wurde durch die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs radikal verändert.
Mit dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen 1939 musste Weinberg fliehen. Er gelangte über Minsk schließlich in die Sowjetunion, während seine gesamte Familie im Holocaust ermordet wurde. Dieses traumatische Erlebnis – Flucht, Verlust, Entwurzelung – blieb eine zentrale, unausgesprochene Konstante seines gesamten Schaffens. Weinberg komponierte nicht „über“ den Holocaust, sondern aus der Perspektive eines Überlebenden, dessen Musik Erinnerung, Trauer, Widerstand und menschliche Würde bewahrt.
Als Jude war Weinberg auch in der Sowjetunion gefährdet: 1953 wurde er während der antisemitischen Kampagnen Stalins verhaftet und nur durch die Fürsprache Dmitri Schostakowitschs gerettet. Die enge Freundschaft mit Schostakowitsch prägte Weinbergs musikalische Sprache, ohne sie zu bestimmen.
Seine „Aria op. 9“ ist von großer innerer Spannung und ergreifender melancholischer Kantabilität. In ihrer schlichten, gesanglichen Linie liegt eine tiefe Verletzlichkeit. Die Musik wirkt wie ein stilles Innehalten – ein persönliches, fast intimes Erinnern.
Heute wird Weinberg zunehmend als eine der großen Stimmen jüdisch-europäischer Musik des 20. Jahrhunderts erkannt – als Komponist, dessen Werke Zeugnis ablegen von Leid, Überleben und der unerschütterlichen Kraft der Musik.
Das 3. Streichquartett von Szymon Laks (1902-1983) nimmt innerhalb seines kammermusikalischen Schaffens eine besondere Stellung ein und zeigt ihn als einen Komponisten von großer stilistischer Klarheit, geistiger Tiefe und persönlicher Ausdruckskraft.
Szymon Laks , polnisch-jüdischer Komponist und Überlebender von Auschwitz, wandte sich nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst einer klassisch geprägten Tonsprache zu. Das 3. Streichquartett ist ein reifes, souveränes Kammermusikwerk, das klassische Ideale mit moderner Sensibilität verbindet. Es steht exemplarisch für Laks’ künstlerische Überzeugung, dass Klarheit, Maß und Formbewusstsein auch nach den Brüchen des 20. Jahrhunderts eine kraftvolle musikalische Sprache sein können. In der Musik entfaltet sich eine subtile Expressivität, die sich aus rhythmischer Vitalität und feiner Harmonik speist.
Das Quartett wurde 1945 komponiert, unmittelbar nach Laks’ Befreiung aus dem Vernichtungslager Auschwitz‑Birkenau und seiner Rückkehr nach Paris. Es trägt den Untertitel „Sur des motifs populaires polonais“ („über polnische Volksmotive“)
In den schnelleren Sätzen findet eine lebendige rhythmische Energie in Form prägnanter rhythmische Muster ihren Ausdruck, die an Tänze erinnern mit vielen Ostinati und Synkopen. Laks verwendet schlichte Themen und prägnante Motive, die an osteuropäische oder jüdische Volksmusik erinnern aber diese nicht unmittelbar zitieren. Das entspricht seiner ästhetischen Haltung: Distanz, Klarheit und Maß statt emotionaler Direktheit. Anstelle direkter autobiografischer Aussagen oder tragischer Gesten begegnet man einer Musik von Klarheit, Distanz aber auch von unmittelbarer Lebensfreude. Gerade diese Kombination verleiht dem Werk eine besondere Tiefe und Vielfalt.